
Beobachtungen im Rettungsdienst
"Ich könnte Ihre Arbeit nicht machen !". Diesen Satz hat jeder meiner Kollegen/innen im Rettungsdienst schon einmal gehört. Zugegeben er erfüllt alle irgendwo mit Stolz etwas Besonderes zu sein. Genau dieser Satz jedoch teilt die nach außen so einige Gruppe der Helfenden in zwei Lager.
Die einen bauen darauf ihr gesamtes Streben. Für sie ist es der Nährboden ihrer Arbeit am Patienten. Kein Mensch hilft so gut wie der, der sein Ziel immer vor Augen hat. Es sind die Unerschütterlichen unter uns, die in der Lage sind geradeaus zu denken. Sie schaffen es, dem Dämon der Unsicherheit eins auszuwischen. Sie verarbeiten Krisen kaum über ihre eigenes Ich.

Die andere Hälfte geht in ihrer Arbeit nicht immer den geraden Weg. Sie berücksichtigen Kleinigkeiten und glauben so eine perfektere Hilfe zu leisten. Ihre scheinbare Unsicherheit ist einerseits die Suche nach dem idealen Weg und andererseits das Offenhalten ihrer Seele. Sie verarbeiten schwerer, erleben den Rettungsdienst erschütternder, fächern aber ihr Wissen breiter auf.
Wer ist jetzt der perfektere Helfer ?
Ist es derjenige, der beides in
sich vereint ? Ich bin schon ein halbes Leben dabei und weiß es immer noch nicht. Es gibt
zahlreiche Literatur über unsere Arbeit und immer wieder beobachte ich, daß in jedem von
uns ein ganzer Rattenschwanz von Fragen offen bleibt. Dieses"wer und wie bin
ich" scheint unser Berufsbegleiter zu sein. Der erste Kontakt mit einem Patienten hat
die Sache ausgelöst und nun tragen wir es bei uns.
Fatal ist jedoch, daß wir uns damit gegenseitig demotivieren,
indem wir den Müll einer unbefriedigten Suche den Kollegen/innen zuschaufeln. Und diese
schaufeln eifrig zurück.
Ist es das, was wir wollen?
Martin Hauber, 1999